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Herr Wolf erzählt Märchen

Ein CEO sagt falsche Sachen in eine Webcam
Screenshot: Handelsblatt Autogipfel

Eigentlich wollte ich nur schnell für LinkedIn ein paar Gedanken zum Handelsblatt Autogipfel in die Tasten hauen, aber der ElringKlinger-Chef Stefan Wolf hat dermaßen grotesken Unsinn von sich gegeben – da war einfach ein separater Beitrag fällig, in dem ich seine kruden Thesen widerlege.

 

Weil das eine Live-Veranstaltung war, habe ich nicht mehr alle Zitate wörtlich im Kopf, deswegen greife ich stellenweise auf sinngemäße Umschreibungen zurück, wörtliche Zitate sind in Anführungszeichen.

 

 

 

Stefan Wolf kritisierte scharf, dass manche Autobauer nicht mehr technologieoffen seien, den Fokus auf Akkus hält er für falsch.

 

Hier legt sich der Chef eines Zulieferers mit der gesamten Branche an: Es gibt keinen Autobauer mehr, der nur auf die Brennstoffzelle setzt (Neeeeeein, auch Toyota nicht), aber ganz viele, die exklusiv auf Akkus setzen (z.B. Daimler, Tesla, Volkswagen).

 

Wichtig ist hier, nach Einsatzzwecken zu unterscheiden: Ja, im LKW, für Züge oder für Schiffe kann die Brennstoffzelle interessant sein. Vielleicht sogar für die von Wolf erwähnten Landmaschinen (wobei es da auch ganz banale Kabellösungen gibt, weil ein Traktor ja gar nicht auf Langstrecke geht, sondern eine klar definierte Strecke durchs Feld pflügt).

 

Im PKW hingegen ist die Debatte längst entschieden: Es gibt nichts Effizienteres als das Batterie-Elektroauto, das ist zum Glück auch Konsens in der Industrie – nur ein paar Satire-Institute und unseriöse Hütchenspielerbanden rechnen noch vor, dass Wasserstoff besser ist (sofern man diesen mit Überschussstrom (den es nicht gibt) in Afrika (auf Anlagen, die es nicht gibt) erzeugt und importiert, während alle Elektroautos mit Kohlestrom gebaut werden und immer direkt neben einem Kohlekraftwerk geladen werden).

 

Es gibt schlicht keinen Autobauer, der nur noch auf die Brennstoffzelle setzt – mehr dazu unten.

 

 

 

Herr Wolf meinte, die Infrastruktur für Wasserstoff könnte billiger sein, weil man die bestehende Tankstelleninfrastruktur nutzen könne.

 

Zum Teil hat er Recht: Die Überdachung, das Gebäude, die Kassen und die Sanitäreinrichtungen lassen sich weiterbenutzen – die Zapfsäulen aber nicht. Durch die Betonung auf die Kostenvorteile liegt allerdings nahe, dass Wolf genau das glaubt – eine groteske Annahme: Benzin und Diesel sind Flüssigkeiten, während Wasserstoff ein unter 700 bar Druck gelagertes Gas ist. Jedem Laie leuchtet ein, dass man Gase nicht über einen einfachen Schlauch tanken kann – schon gar nicht, wenn das Zeug mit 700 bar herauskäme. Nein, Wasserstoff braucht eine komplett neue Infrastruktur: Einen großen Druckbehälter, in dem das Gas gelagert wird, Spezialzapfsäulen, deren Schläuche druckdicht an das Fahrzeug angeschlossen werden können und Kompressoren, die die 700 bar aufbauen. Das hat mit einer Benzin-Zapfsäule noch so viel gemeinsam wie ein Hometrainer mit einem Rennrad: Beides hat zwar Pedale, aber nur mit einem kommt man wirklich vorwärts.

 

Kostenpunkt pro Tankstelle: Ab einer Million Euro.

 

 

 

Auf einen Effizienzvergleich entgegnet Wolf, dass Wasserstoff ja noch effizienter werden könne.

 

Jein, ein paar Prozente sind sicher noch drin. Dennoch wird Wasserstoff niemals den Wirkungsgrad der Batterie erreichen. Das hat nichts mit mangelnder Technologieoffenheit zu tun, sondern mit Physik: Bei Batterie-Elektroautos landet der Ökostrom direkt in der Batterie, beim Brennstoffzellenfahrzeug wird erst mit Verlusten Wasserstoff erzeugt, dieser im Auto dann zur Stromerzeugung genutzt und damit dann der Elektromotor betrieben. Wasserstoff kann niemals auch nur ansatzweise so effizient wie ein Elektroauto sein, es geht einfach nicht.

 

 

 

„Die Brennstoffzelle wird ab 2025/2030 das absolut bestechende Antriebskonzept“

 

BEVs bieten mehr Fahrspaß, gleiche Reichweiten und massiv geringere Kosten bei minimal längeren Ladezeiten (die aber durch die Möglichkeit des Heimladens relativiert werden). Was soll da jetzt bei der Brennstoffzelle „bestechend“ sein? Das Konzept Wasserstoff-PKW kommt aus einer Zeit, wo Batterien teuer, Ladezeiten lang und das Ladenetz dünn war. Diese Zeiten sind in den meisten entwickelten Ländern vorbei, nur nicht im Kopf von Stefan Wolf.

 

 

 

 „Die Koreaner und die Japaner setzen nur auf Wasserstoff.“

 

Nein. Das ist schlicht und ergreifend grottenfalsch: Nissan setzt sowieso stark auf BEVs, Hyundai genauso und der oft als Wasserstoff-Verfechter gepriesene Toyota baut vom neuen Mirai nur 30.000 Stück pro Jahr, hat aber gleichzeitig eine große Elektrostrategie angekündigt und meldet ein Patent nach dem anderen für Feststoffbatterien an. Wie kann man da zu der Behauptung kommen, japanische und koreanische OEMs würden nur auf Wasserstoff setzen? Hätte er gesagt, sie setzen auch auf Wasserstoff, könnte man das noch durchgehen lassen, denn ein paar Alibi-Projekte laufen ja noch. Aber die Aussage, sie würden nur auf Wasserstoff setzen (noch dazu in der Pauschalität die Japaner, die Koreaner) ist dermaßen absurd – jede Hilfskraft, die sowas recherchiert hätte, könnte ihren Schreibtisch postwendend räumen.

 

 

 

„Auch die deutschen OEMs sind im Bereich Wasserstoff und Brennstoffzellen unterwegs. (…) Mercedes hat einen PKW bereits mit Brennstoffzellenantrieb, (…) alle setzen auch auf das Thema Wasserstoff.“

 

Nein. Einfach nein. VW setzt nicht auf Wasserstoff (da gibt es wirklich sehr klare Statements), also setzen schonmal nicht alle auf Wasserstoff. Von BMW sind mir keine ernsthaften Wasserstoffprojekte bekannt und den einen erwähnten Brennstoffzellen-PKW hat Daimler gerade eingestellt und verkündet, die Brennstoffzelle nur noch in der Truck-Sparte zu verfolgen.

 

 

 

Fazit

 

Ich weiß nicht, warum Herr Wolf solchen Unsinn verbreitet – ich kann nur Vermutungen darüber anstellen: Eine Erklärung könnte sein, dass Wolf mit Blick auf die großen Investments von ElringKlinger in die Brennstoffzellen-Technologie diese auch populär machen will. Legitim, aber durchschaubar und vor allem: Aussichtlos.

 

Eine einfachere Erklärung wäre, dass er schlicht und ergreifend keine Ahnung hat. Das könnte daran liegen, dass er mit einer Banklehre und einem Jura-Studium in beiden Ausbildungen keinen Kontakt zu den Gesetzen der Physik hatte – diese Erklärung ist aber unfair gegenüber den vielen Bankern und Juristen, die ich kenne, die bedeutend mehr Ahnung von dem Thema haben als Herr Wolf.

 

Letztendlich ist auch egal, warum er so grottenschlecht informiert ist, denn die Konsequenz ist stets die gleiche: Der Aufsichtsrat von ElringKlinger muss sich fragen, ob nach 14 Jahren nicht mal Zeit für etwas frischen Wind im Vorstandsbüro wäre.

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Christian Mensc (Freitag, 06 November 2020 20:01)

    Gut zusammen gefasst bin dir. „Hütchenspieler“ passt gut

  • #2

    Tilman Winkler (Freitag, 06 November 2020 21:06)

    Danke, Robin! Der eine oder andere (Voll-)Jurist versteht auch noch genug von Physik, um die Brennstoffzelle im PKW für unrettbar gescheitert zu halten...

  • #3

    Karsten vom Bruch (Freitag, 06 November 2020 21:53)

    Voll auf den Punkt, lieber Robin.
    Mit solch kompetenten oder ehrlichen Wirtschaftslenkern ist es kein Wunder, wenn wir bei den wirklichen Zukunftsherausforderungen voll vor die Wand fahren. Und der Mann soll sogar der nächste Gesamtmetallvorsitzende werden. Wenn das die beste Besetzung für eine ganze Branche ist, dann gute Nacht...

  • #4

    Klaus Rave (Samstag, 07 November 2020 12:06)

    Danke für diese Entlarvung des Wasserstoffmärchens! Mehr davon!

  • #5

    Leander V (Samstag, 07 November 2020 15:01)

    Vielen Dank für diese Widerlegung. Es braucht mehr Leute die sich genau wie du diese Arbeit machen. Es ist immer wieder höchst erschreckend, wie sehr sich die "Wasserstoff im PKW Träumerei" durch alle Bevölkerungsschichten zieht. Erlebe ich zu häufig sogar persönlich in meinem eigenen Umfeld. Dazu kommen dann noch die Leute, die zwar auch keine Wasserstoff Freunde sind, die aber hartnäckig an der sinnfreien Idee festhalten, dass der Verbrenner bestehen bleiben muss und dass Batterien schlimmer als Atommüll sind (genau das habe ich von einem alten Schulfreund hören müssen).
    Also, bitte mach weiter mit diesen wunderbaren Artikeln, die man immer dann vorlegen kann, wenn man wieder auf "Zukunftsleugner" trifft. Danke.

  • #6

    Dieter Lettner (Sonntag, 08 November 2020 17:32)

    Die Batterie ist in der gesamten alternativen Mobilität nur ein Baustein. Es wird nicht den einfachen Weg wie vor 100 Jahren geben, wo entweder Benzin oder Diesel die Fahrzeuge antreiben sollte. So wie die Batterietechnologie hoffentlich noch etwas besser in der Energiedichte wird ( aktuell: 1Liter Diesel/10kWh ), da ist noch viel Luft nach oben. Die Brennstoffzelle sollte ebenfalls in den nächsten Jahren für die Langstreckenanwendungen, wie sie heute schon durch eforce Schweiz mit Iveco und Hyundai Korea, realisiert wurde, eine kommerzielle wie auch technische Verbesserung erfahren. Selbst efuels, die heute noch nicht konkurrenzfähig sind, sollte man nicht aus dem Auge verlieren.
    Wir von Molabo, ein Ingenieurunternehmen in Ottobrunn, muss auch fast missionarisch und oftmals nur durch überzeugende harte Fakten der Physik die 'verschworene' Gemeinschaft der Hochvoltler eines Besseren belehren. Dennoch ist auch die 48VDC Motorentechnik nicht endlos nach oben zu skalieren und als 'Allheilmittel' gegen Spannungen von 60VDC bis zu 800VDC zu betrachten.
    Es gibt nicht nur einen Weg nach Rom!