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Herr Wolf erzählt (schon wieder) Märchen

Er macht es schon wieder: Nachdem Stefan Wolf, der Vorstandvorsitzende von ElringKlinger und designierte Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall bereits auf dem Handelsblatt Autogipfel krude Thesen verbreitete, setze er heute in der Talkshow von Sandra Maischberger nochmal einen oben drauf. Ich schreibe diese Zeilen mitten in der Nacht, damit sie bis zum nächsten Tag online sind und zur Debatte beitragen können – gegebenenfalls aktualisiere ich das in ein paar Tagen nochmal. Übliches Prozedere: fragwürdige Aussagen fett-kursiv, drunter meine Einordnung.

 

 

 

„Nur, wenn wir gemeinsam Lösungen entwickeln und schnell diese Lösungen umsetzen, haben wir vielleicht eine Chance das [damit dürfte eine drohende Klimakatastrophe gemeint sein] noch zu verhindern“

 

An sich richtig, sein Handeln bei ElringKlinger ist dazu aber konträr: Für eine schnelle Dekarbonisierung sind Batterie-Elektroautos der beste Weg. Die von ihm so gelobten Brennstoffzellenfahrzeuge werden wenn überhaupt erst in einigen Jahren preislich mit BEVs mithalten und niemals ihre Effizienz erreichen können. „Schnelle Lösungen“ fordern und Brennstoffzellen hochloben – Experten nennen sowas wohl eine kognitive Dissonanz.

 

 

 

„Wir brauchen natürlich auch eine entsprechende Ladeinfrastruktur. Wir haben sehr gute Technologien in der Automobilindustrie, wir könnten viel mehr Elektrofahrzeuge verkaufen, wenn es eine vernünftige Ladeinfrastruktur gibt.“

 

Nein, könnten sie nicht. Die Lieferzeiten für neue Elektroautos (so sie überhaupt lieferbar sind) betragen im Moment zwischen zwei und zwölf Monaten, weil die Produktionskapazitäten aktuell voll ausgelastet sind – das ändert man mit mehr Fließbändern und nicht mit mehr Ladesäulen.

 

Es ist richtig, dass wir in Zukunft mehr Ladestationen brauchen werden – für den aktuellen Bestand und für die in den nächsten Monaten absehbaren Zuwächse reicht die bestehende Infrastruktur aber vollkommen aus. Einen guten Überblick der Lage hat man bei VW, Elektrovorstand Ulbrich stellt richtigerweise fest, dass noch alles in Ordnung ist, für die Zukunft aber ein Ausbau wichtig ist. Insofern hat Wolf teilweise recht: Ja, ein Ausbau ist nötig. Aber nein, der würde aktuell nicht die Verkaufszahlen steigern.

 

 

„Beispiel: Wir haben gerade diesen schönen neuen Hauptstadtflughafen mit 10 Jahren Verzögerung eröffnet. Da gibt’s 18.000 Parkplätze (…) – es gibt genau 20 Ladepunkte am BER.“

 

Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, aber was für ein selten dämliches Beispiel ist das denn bitte? An diesem Flughafen funktioniert nichts wie es soll, natürlich haben die dann auch Ladeplätze nicht auf der Reihe. Das heißt aber nicht, dass es im restlichen Land ein Problem mit der Ladeinfrastruktur gäbe. Genauso gut könnte man behaupten, wir hätten in Deutschland ein Problem mit der Rauchmelder-Infrastruktur, weil die am BER ebenfalls Probleme gemacht hat.

 

Übrigens: Gerade in Parkhäusern mit längeren Parkdauern (wie eben an einem Flughafen) lässt sich Ladeinfrastruktur supereinfach und kostengünstig nachrüsten, (weil da keine hohen Ladeleistungen notwendig sind), beispielsweise mit chargeBIG von Mahle (Funfact: Das ist ein Autozulieferer, der mit Kolben groß wurde und sich jetzt sukzessive Ladeinfrastruktur als neues Geschäftsfeld aufbaut).

 

 

 

„Da heißt es immer, China ist führend in der Elektromobilität. Sind sie nicht.“

 

Ich will mich hier nicht in Details verlieren, nur so viel: Das chinesische Startup Nio hat mit dem ES8 ein Fahrzeug der Luxusklasse auf den Markt gebracht, dass in der Top-Ausstattung nur 70.000 € kostet – da kommt in diesem Segment kein Auto eines deutschen OEMs preislich heran (sogar viele Verbrenner sind teurer) – bei vergleichbarer Ausstattung, Verarbeitungsqualität(!) und Performance. Chinesische Elektroautos haben sicher genauso Schwachstellen, wie deutsche oder US-amerikanische – aber die Behauptung, China sei bei Elektromobilität nicht führend, ist vollkommen absurd.

 

„Wenn sie jetzt mal eine Karte von Deutschland nehmen und Sie nehmen alle Autobahnen da drauf und sie nehmen diese wenigen Teilstücke, wo noch kein Tempolimit besteht, also auf 80 % der Autobahnen gibt’s ja ein Tempolimit – und die wenigen Stücke, die es noch gibt, da fahren in der Regel so viele Autos, dass schon ein natürliches Tempolimit da ist.“

 

Diese Behauptung ist vielleicht richtig, wenn man sich eine Fantasie-Statistik bastelt: Nimmt man alle deutschen Autobahnen nach ihren Nummerierungen, wird sich auf fast jeder irgendwo ein Abschnitt mit Tempolimit finden – so könnte man sagen, dass es auf 80 % aller Autobahnen irgendwo ein Tempolimit gibt.

 

Diese Betrachtungsweise ist aber unsinnig, wichtig ist der Blick auf die Zahl der limitierten Streckenkilometer: Laut ADAC 30 % der Autobahn-Kilometer dauerhaft oder zeitweise limitiert und weitere 10 % können über Verkehrsbeeinflussungsanlagen limitiert werden. Andersrum betrachtet heißt das, dass 60- 70 % der Autobahnen-Kilometer dauerhaft unlimitiert sind. Das ist so ziemlich das komplette Gegenteil von dem, was Herr Wolf behauptet hat.

 

„Also wenn Sie in Indien auf der Straße sind, da sehen Sie nur Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor und es denkt kein Mensch über CO2-Ausstoß nach.“

 

Ich wage zu bezweifeln, ob man den Menschen auf der Straße ihre Gedanken ansehen kann, indische Firmen setzen aber sehr wohl auf das Elektroauto und denken dementsprechend wohl doch über Emissionen nach. So baut beispielsweise Tata, Indiens größter Elektroautobauer, mit dem Nexon EV ein preislich wie technisch sehr attraktives Elektro-SUV und hat das erklärte Ziel, Elektroautos zum Massenprodukt zu machen.

 

Wenn man in die Definition des Begriffs „Fahrzeuge“ nicht nur herkömmliche PKW aufnimmt, wirken Wolfs Aussagen noch grotesker: In Indien sind nämlich bereits zwei Millionen Elektro-Rikschas unterwegs (Marktanteil 80 %). Ja, gegenüber 30 Mio. konventionellen PKW mit Verbrennungsmotor ist das noch vergleichsweise wenig – aber die Behauptung, man sehe in Indien nur Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, ist einfach objektiv falsch.

 

Übrigens: Auch in Indien wird ein Verbot von Verbrennungsmotoren ab dem Jahr 2030 diskutiert.

 

Fazit

Es macht mich nachdenklich, dass der Geschäftsführer eines Automobilzulieferers (und bald auch ein wichtiger Arbeitgebervertreter als Chef von Gesamtmetall) permanent so viel groben Unfug in die Welt setzt. Man kann nur spekulieren, ob das Kalkül oder mangelndes Wissen ist – jedenfalls ist beides keine seriöse Strategie für einen Manager, an dessen Entscheidungen zigtausende Jobs hängen.

 

Bei aller Kritik ist positiv zu erwähnen, dass Wolf eingesteht, dass die Autoindustrie zu spät dran ist und dass er einen Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor angekündigt hat. Ebenfalls recht hat er mit der Aussage, dass Elektroautos nur gekauft werden, wenn bei den Menschen Akzeptanz dafür da ist. Ein erster Schritt für mehr Akzeptanz wäre vielleicht die Einstellung seiner permanenten Falschbehauptungen.

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Wolfgang Moch (Donnerstag, 19 November 2020 07:09)

    Danke Robin, dass Du nicht müde wirst, Unfug wie den Herrn Wolfs sachlich aufzuarbeiten. Ich habe mir gestern Abend sowohl Ökozid (meine Hochachtung vor den exzellenten Recherchen im Film, die aufzeigen, wie uns die deutsche Automobilindustrie klimatechnisch seit Jahren verarscht), als auch die anschließende Diskussionsrunde bei Frau Maischberger angesehen. Es ist bestürzend, dass Menschen mit wenig Sachkenntnis weitreichende Verantwortung haben. Noch schlimmer dabei, dass sie dann auch noch ihre Defizite durch Lobbyistengeschwaffel auffüllen lassen.

  • #2

    Bernd Hewener (Donnerstag, 19 November 2020 08:47)

    Bin über LinkedIn auf diesen Artikel aufmerksam geworden. Herzlichen Dank für die kritische Auseinandersetzung.

    Ich habe die Sendung auch gesehen und war über Wolf bestürzt.

    Wenn Sie möchten, können wir uns gerne auf LinkedIn vernetzen und bei Gelegenheit weiter austauschen.